Ein Austausch zwischen Daniela Strube KeepCoolMama

&

Almut Switalla Mentorin

 

 

Almut:

Daniela, kommt es oft vor, dass Mütter zu Dir kommen, weil sie irgendwie das Gefühl haben, sie reden an ihrem Kind vorbei oder das Kind versteht sie irgendwie nicht richtig? Und vielleicht auch, dass sie das Gefühl haben, sie sind im Dauerstress mit ihrem Kind?

 

Daniela:
Das ist hier an der Tagesordnung und ein wirklich großes Problem in vielen Familien. Dadurch, dass viele Mütter den Eindruck haben, dass ihr Kind sie nicht versteht oder sogar denken, es will sie gar nicht verstehen, entsteht der Dauerstress.

 

 

Almut:

Weißt Du, mir ging das manchmal auch so. Und ich habe mir dann Gedanken gemacht, was läuft da vielleicht falsch. Mein Kind und ich haben mal aus einer Laune heraus die Rollen vertauscht spontan beim Fahrradfahren. Ich war sie und sie war ich. Dann musste ich mir so typische Kommentare von mir anhören ……und bin vor Schreck fast vom Rad gefallen. Nimmt es mein Kind so wahr? Ist es das, was bei ihr ankommt? Warum kommt es so bei ihr an?

 

Daniela:

Was für eine tolle Idee, Almut. Ja, die Kinder nehmen tatsächlich die Dinge oft ganz anders wahr, als wir denken, dass sie ankommen.
Was hast du dann gemacht?

 

Almut:

Ich fing an, mein Kind zu beobachten und auch mich, und sah mir besonders die Situationen an, wo es doch auch schnell mal funkte und die Zeiten, wo wir in bestem Einklang miteinander waren. Und dann beobachtete ich auch die Momente, wo ich das Gefühl hatte, es kommt gar nicht richtig an bei meinem Kind, was ich gerade zu ihm sagen möchte…und ich mich vielleicht ärgerte, weil ich das Gefühl hatte, mein Kind „macht zu“. Ich schaute auch genau hin, wenn ich das Gefühl hatte, mein Kind fühlt sich jetzt überfordert.

 

Daniela:

Und dann?

 

Almut:

Mit der Zeit, je mehr ich uns beobachtete, stellte ich fest….ich muss meinen Blick weiten und statt von mir auf mein Kind zu schließen oder aus irgendwelchen Erziehungskonstrukten oder Vorstellungen in meinem Kopf heraus zu agieren, sollte ich viel eher das kleine Wesen bei mir zu Hause besser kennen lernen. Denn es ist in vielerlei Hinsicht so ganz anders als ich und vor allem auch anders, als ich es als Kind war. Ich stellte mir die Frage: „Kann es sein, dass wir uns manchmal so missverstehen, weil wir so ganz unterschiedlich sind?“

 

Daniela:
Das ist wirklich eine spannende Frage. Wir schließen mit unseren Empfindungen oft von uns auf andere, also auch auf unsere Kinder und vergessen dabei schnell, dass es andere Persönlichkeiten sind, die vielleicht ganz andere Bedürfnisse haben, als wir gerade denken. Das ist gar keine böse Absicht, das passiert meist völlig unbewusst. Doch durch die Konflikte die entstehen, kommen viele dazu nachzudenken. Aber natürlich braucht es eine Weile und manchmal auch Unterstützung, um zu verstehen was da abläuft und warum.

Wie ging es bei euch weiter, Almut?
Almut:

Ich schaute immer genauer hin und bemerkte, mein Kind braucht etwas ganz anderes, als was ich immer meinte, was sie brauchen könnte…Und ich merkte recht schnell, dass ich viel zu oft von meinen Bedürfnissen und meinem Empfinden ausgegangen war, von meinen Vorstellungen darüber, wie es sein müsste, wie ich es für gut und richtig befand.

 

Aber das hieß ja noch lange nicht, dass mein Kind es genauso sah…und natürlich wurde sie unzufrieden, fühlte sich unverstanden und zeigte eine entsprechende Reaktion, die mich aufmerksam machen sollte, die ich aber wiederum nicht verstand.

 

Daniela:

Ich sage ja auch immer, man solle sich von seinen Vorstellungen, wie etwas sein muss, verabschieden. Genau diese stehen uns nämlich oft selbst im Weg. Es kommt sowieso immer anders und die Kleinen zeigen einem eigentlich immer, wenn etwas für sie nicht gut läuft.

 

Almut:

Genau, so ist das auch. Ich war bis dahin immer davon ausgegangen, dass, weil es mein Kind ist, sie die Dinge ähnlich wie ich sehen und empfinden müsse….aber das stimmte nicht. Mein Kind hat ganz andere Veranlagungen und Vorlieben als ich, hat völlig andere Wesenszüge als ich, hat ihre Eigenarten, und hat vor allem völlig andere Bedürfnisse, um sich wohlfühlen, entwickeln und entfalten zu können, als ich sie oft habe. Das hat dann mein Bild davon, wie Erziehung sein müsse, ganz durcheinander gebracht. Ich bin oft mit meinen „Ansagen“ völlig ins Leere gelaufen. Mein Kind konnte damit nichts anfangen. Ich konnte, durch meine Brille betrachtet, mein Kind nicht dort abholen, wo sie es gebraucht hätte. Und genau darin liegt oft das Konfliktpotential…und ich denke nicht nur bei uns.

 

Daniela: Worin unterscheidet ihr Euch denn so?

 

Almut:

Ich bin eher der ruhigere, nachdenkliche und sensible Typ Mensch. Ich brauche meine Überschaubarkeiten und Freiräume. Ich gehe gern in die Natur, tue Dinge in Ruhe und brauche auch ein gewisses Maß an Ordnung und Harmonie. Wenn ich z.B. etwas schreibe, dann möchte ich dabei meine Ruhe haben und kann nicht noch gleichzeitig fünf andere Sachen machen oder denken. Musik dabei zu hören nervt mich eher sehr. Ich bin wiederum auch sehr kommunikativ und kann auch sehr spontan, kontaktfreudig und „ausgeflippt“ sein, aber nicht ständig und dauerhaft.

 

Mein Kind ist ein lebhafter, impulsiver Mensch, sie ist unwahrscheinlich kreativ und phantasievoll, ausdrucksstark, spontan und abenteuerlustig. Da braucht es immer etwas Action und „Lärm“ zum Glücklich sein ;-). Ja, und da geht es manchmal schon los….während mein Kind am Liebsten schon gleich morgens zu lauter Musik durch die Wohnung tanzen wollte, brauche ich meine stille Ecke und erst mal ganz in Ruhe den ersten Kaffee.

 

Daniela:

Oh, das kann ich gerade gut nachvollziehen, Almut. Ich bin auch eher der „morgens in Ruhe den ersten Kaffee-Typ“ 😉 Da sind Kinder mit viel morgendlichem Schwung gnadenlos.  Almut lacht….
Ansonsten würde ich es, im ersten Moment, so verstehen, dass ihr beide tolle Eigenschaften habt. Und wenn ich nicht selbst Kinder hätte und nicht Elterncoach wäre und jeden Tag das Gegenteil erleben würde, würde ich jetzt einfach fragen:
„Aber das ist an sich ja noch nichts, was zum Problem werden könnte, oder?“

 

Almut:

Sicherlich nicht, da kann man ja Lösungen finden, dass man beiden Vorlieben entsprechen kann. Aber ich musste verstehen lernen, dass z.B. mein Kind eben eine ganz andere Ordnung auch in ihrem Kopf hat…als ich es habe und sie dadurch meine Welt manchmal nicht verstehen kann. Das kann ich auch nicht verlangen, aber ich als Erwachsene kann mir ja ihre Welt anschauen und schauen, welche Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten braucht sie.

 

Das fängt schon damit an, dass ich z.B. ein gewisses Maß an Chaos aushalten lernen muss, denn irgendwie braucht mein Kind dies, um sich daraus zu entfalten. In einem ordentlich aufgeräumten Zimmer, kann sie nichts finden, womit sie kreativ sein kann. Früher haben wir verzweifelte Situationen erlebt, wo ich immer wieder versucht habe, mit irgendeinem System Ordnung in das Kinderzimmer zu bringen und ich nicht verstehen konnte, wieso es so schwer sein sollte, die Stifte hier und die Klötze da und die Puppen hier abzulegen. Innerhalb von einer halben Stunde, hatte mein Kind alles wieder durcheinander gebracht und fing an, in diesem „Chaos“ die schönsten Spiele oder Basteleien zu erfinden. Sie hat, so habe ich dann festgestellt, eigentlich auch nie etwas gesucht, sondern sich immer wieder daran erfreut, was sie in diesen kleinen Haufen und wild durcheinander gewürfelten Dingen, Lustiges und Spannendes entdecken konnte. Mein Kind kann eben auch mit allem was anfangen…ein Fetzchen Papier, eine leere Stifthülle, ein farbiges Stück Stoff, zwei Steinchen, ein alter Becher….Dinge, die bei mir längst im Müll gelandet wären. Bei ihr entstehen daraus kleine Kunstwerke oder Puppenstubenzubehör u.s.w.

 

Daniela:

So einfach kann es sein, wenn man die Situation und die Welt mal aus den Augen seines Kindes betrachtet. Mal zuschauen, was ist denn da wirklich? Was bezweckt es denn mit seinem Tun wirklich? Es macht in deinem Beispiel nicht einfach nur Chaos und Durcheinander, wie wir das oft empfinden, sondern es optimiert sich seine eigene Welt, seinen Raum zum Kreativ sein. Von dieser Seite betrachtet, gibt das ein ganz anderes Bild und Müttern ein völlig andere Grundlage zum Handeln.

Almut:

Ja, das hast Du gut gesagt, Daniela. Ich mag ja wie gesagt, Jesper Juul sehr gern. Und er sagt in seinen Büchern, es ginge in der Familie nicht um Erziehung sondern um Beziehung. Genau dort habe ich dann angesetzt und geschaut, wie kann es mir gelingen, in eine gute Beziehung zu meinem Kind zu treten, aus welcher heraus ich sie führen kann. Ja, und das gelingt uns sehr gut, in dem ich ihre „Eigenart“ respektiere und ihr entsprechenden Raum gewähre, diese auch zu leben, statt sie ummodellieren zu wollen nach meinen Wünschen.

 

Umgekehrt erfährt mein Kind von mir, wo ich andere Bedürfnisse habe und was mir wichtig ist, damit es mir in der Familie gut gehen kann. Auch da habe ich wieder einen gut lebbaren Ansatz bei Jesper Juul gefunden, der sagt, es muss geschaut werden, dass jeder Einzelne in der Familie mit seinen Bedürfnissen und Gefühlen gesehen und respektiert wird und gleichzeitig sollte es gelingen, zu schauen, was braucht die Familie. Und das ist ja auch das, was Du immer sagst, Daniela, es ist wichtig, dass wir Werte für unsere Familie finden, egal was das Umfeld lebt.

 

Daniela:

Ganz genau Almut! Nur so kann eine Familie ein Team werden. Jeder wird mit seinen Bedürfnissen gesehen und respektiert und lernt so ganz nebenbei, dass auch andere „Teammitglieder“ ganz eigene Bedürfnisse haben können. Genauso ist auch jedes Team anders und sollte die Eigenarten und Bedürfnisse anderer Familien respektieren und sich so umgekehrt auch nicht zu viel beeinflussen lassen.

Was hast du für euch daraus mitgenommen Almut?

 

 

Almut:

Ich finde es ganz spannend in die Welt meines Kindes einzutauchen, die eine so ganz andere als meine Welt ist. Und ich habe dadurch den Begriff bedingungslose Liebe erst so richtig verstehen gelernt und das Annehmen und Respektieren von Andersartigkeit. Denn es funktioniert nicht immer zu sagen: „Wir machen es jetzt so…oder mach es jetzt so….“ Viel eher muss ich fragen: „Was brauchst Du einzigartiges Wesen mit dem, was Du bist, jetzt gerade?“….und darf mich nicht wundern, wenn die Antwort so gar nicht zu dem passt, was ich gerade tun oder sagen würde 🙂 Kinder können uns großartige Lehrer sein, wenn wir genau hinschauen und es zulassen.

Almut Switalla arbeitet als Coach und Mentorin mit Natur-und schreibgestützten Coaching (www.almut-switalla.de) und ist Mutter einer 10-jährigen Tochter und eines heute erwachsenen Sohnes, der ihr insgesamt sehr ähnlich ist. Deshalb war das „Umdenken“ dann notwendig geworden, als sie merkte, dass all das, was bisher funktioniert hatte, überhaupt nicht mehr ging, als ein Kind in die Familie kam, was, wie sie liebevoll sagt „vom anderen Stern“ zu kommen schien 🙂

Daniela Strube arbeitet als Psychologischer Berater (VfP) und Elterncoach bei KeepCoolMama. Die Schwerpunkte liegen dabei bei Pubertät, AD(H)S und Hochbegabung. Sie bloggt über Themen, die Mütter bewegen.
Ihre Söhne sind 23 und 20 Jahre alt, beide Hochbegabt, einer mit ADS-Diagnose und LRS. Diese tollen Besonderheiten haben sie zum Umdenken bewegt und mittlerweile ist dieses Thema zu ihrer Berufung geworden.