Chaos im Kopf…ist ein sehr emotionaler Bericht einer Mutter, über ein Gespräch mit ihrer 12jähren Tochter.

 

…wir haben mit unserer 12-Jährigen keine gravierenden Probleme, die üblichen Pubertätszickereien eben. Manchmal nervig, mehr aber auch nicht 😉
Auch mit ihrer 6 Jahre älteren Schwester lief bzw. läuft das Meiste ohne große Probleme.
Es gibt bei uns nur wenige, für alle nachvollziehbare Regeln, keine Strafen oder Verbote, nur eigenverantwortliches Handeln mit Konsequenzen, ganz ohne Druck. Damit fahren wir recht gut, es läuft – auch in der Schule, wo sie eigentlich auch viel mehr könnte, wenn sie „wollte“, aber unsere Erwartungen sind nicht so hoch, auch da sind wir gelassen. Klar, ein guter Abschluss ist nicht schlecht, kann aber auch später noch auf anderen Wegen nachgeholt werden…

 

Wir können über alles reden, was wir auch oft ausgiebig tun.

 

Bei einem dieser Gespräche beschrieb sie mir vor kurzem ihr Chaos im Kopf, ihre innere Zerrissenheit – kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen. Ihre Angst vor der Zukunft, vor den vielen Veränderungen, die eine Pubertät mit sich bringt – auch körperlich… von den Stimmungsschwankungen, sie fühlt sich überfordert, überall wird Leistung und „funktionieren“ verlangt… das Miteinander mit Gleichaltrigen wird plötzlich ziemlich kompliziert… die Unbeschwertheit der Kindheit ist urplötzlich weg… vieles davon bereitet ihr ziemliches Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte… ein Grund, warum sie in letzter Zeit nach der Schule häufig einen ausgedehnten Mittagsschlaf macht…

Mit Tränen in den Augen sagte sie mir: „Niemand weiß, wie es in mir aussieht… Ich bin ein wandelndes Etwas, was nicht weiß, wohin mit sich selbst..“ Man hat ihr angemerkt, wie sehr sie das alles belastet…

Wie kann man von einem Menschen in einer so schwierigen körperlichen und seelischen Phase, einen gut funktionierenden Alltag oder Höchstleistungen in der Schule erwarten? Geht nicht…
Ich glaube, manch Erwachsener würde sich unter solchen Umständen wegen Burnout, Depressionen, Wechseljahren oder ähnlichem krankschreiben lassen oder sich zumindest von seinen Mitmenschen, zu Recht, etwas mehr Rücksichtnahme und Verständnis erhoffen…

 

Wir sollten vielleicht öfter mal in unsere Kinder „hineinhorchen“, mal hinterfragen, warum sie in manchen Situationen so ganz anders reagieren, als wie es von ihnen erwartet wird.

Es wird so viel von ihnen gefordert, oft mehr als sie bewältigen können. Sie fühlen sich in ihrer Haut selbst nicht wohl, wissen aber nicht warum. Geschweige denn, dass sie darüber reden könnten, weil auch das Reden über Gefühle plötzlich schwierig wird. Nach außen hin zeigen sich viele stark, aber niemand weiß, wie es in ihnen wirklich aussieht…

Unsere Tochter war eigentlich immer ein fröhlicher, ausgeglichener und relativ selbstbewusster Mensch, ich hätte nie gedacht, dass sie so viele Selbstzweifel hat und wie sehr diese sie belasten…
Wir haben das Glück, dass unsere Kinder sehr viel mit uns reden. Ich weiß, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist und dass viele Kids komplett dicht machen. Man kommt nicht an sie ran… auch das muss man akzeptieren.

Sie sind mit ihrer inneren Verwirrtheit und Hilflosigkeit allein, deshalb ist so extrem wichtig, sie spüren und wissen zu lassen, dass wir sie bedingungslos lieben und immer zu ihnen stehen. Das wir unsere Zuneigung nicht an ihrem Verhalten oder Können festmachen, sondern sie ausschließlich ihrer selbst willen lieben. Wir sollten versuchen, mehr Verständnis für ihre momentane Situation zu zeigen. Das ist sicher nicht immer einfach… es ist die Kunst, einen Kaktus zu umarmen… 😉

Aber… es lohnt sich, irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, wo wir mit unseren Kids schmunzelnd an die Zeit der Pubertät zurück blicken 😉

Ich rede hier von „normalen Pubertätsproblemen“, nicht von so gravierenden, wo die Kids einem komplett entgleiten oder sogar auf die schiefe Bahn geraten. Da ist Hilfe von außen extrem wichtig und sollte auch ohne schlechtes Gewissen angenommen werden. Niemand muss sich für etwas rechtfertigen. Jedes Kind ist anders, jedes Umfeld ist anders und jede Situation. Pubertät äußert sich bei jedem Kind anders, manche sind lammfromm und umgänglich, manche rebellieren extrem. Eltern haben unterschiedliche Schmerzgrenzen und Erwartungen, all das fordert ein Höchstmaß an Toleranz. Wir erwarten von unseren Kids Respekt, also sollten auch wir sie in jeder Situation respektvoll behandeln. Pubertät ist keine Universalentschuldigung für alle Probleme in der Familie, aber sie ist ein wichtiger und schwieriger Lebensabschnitt auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Auf diesem Weg können wir unsere Kinder ein Stück weit begleiten, ohne sie dabei zuviel einzuschränken. Sie brauchen ihren Freiraum, um Erfahrungen zu sammeln, denn irgendwann müssen sie diesen Weg alleine weiter gehen und je mehr wir sie jetzt bestärken, umso besser wird ihnen das später gelingen…

 

Karin Frömbgen

Mutter von 2 Teenager-Töchtern

 

 

P.S. Wie ging es dir beim Lesen? Hattest du auch Gänsehaut oder gar ein paar Tränchen in den Augen, wenn du an deinen eigenen Teenager denkst? Teile Karin und uns allen in einem Kommentar mit, was dieser Artikel für dich bedeutet.

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Daniela