Daniela Strube hat mich eingeladen bei ihrem Schwerpunkt Hochbegabung mitzuwirken und einen Gastartikel über den Montessori-Ansatz zu schreiben. Ich bin Montessori-Pädagogin für das Alter von 3 – 6 Jahren und daher ist das die Entwicklungsperiode, über die ich am besten Bescheid weiß. Hier besitze ich auch die größte Materialkenntnis. Daher beschränke ich mich in diesem Artikel auch auf diese Altersgruppe.

Zuerst einmal möchte ich vorausschicken, dass es eine fächerübergreifende Hochbegabung viel seltener ist, als oft angenommen wird.

Meist handelt es sich um sogenannte Inselhochbegabungen. Das heißt Menschen sind in einem oder mehreren Lebensbereichen überdurchschnittlich begabt. Also z. B. begabte Mathematiker und Techniker und dafür normal begabt in Sprachen.

Entwicklung beobachten

Kinder entwickeln sich nicht linear, sondern in Stufen. Sie machen richtige Entwicklungssprünge. Jede Mama kann ein Lied davon singen. Gerade noch klebte das Kind am Rockzipfel und auf einmal ist es überall dran, überall oben und kein Hindernis ist zu hoch.

Diese Entwicklungssprünge gibt es auch im geistigen Bereich. Auf beginnt ein Kind sich für Zahlen zu interessieren, fängt an zu zählen oder gar leichte Rechnungen zu lösen. Oder es möchte die Buchstaben kennenlernen und auf der Straße bleibt es bei jedem Straßenschild stehen, weil es die bekannten Buchstaben sucht. Dieses Phänomen nennt die Montessori-Pädagogik sensible Phasen. Das heißt, das Kind ist in dieser Zeit für Eindrücke in diesem Bereich besonders offen.

Diese sensiblen Phasen treten normalerweise in einem bestimmten Alter auf. Das Interesse für Zahlen entwickelt sich im Normalfall rund um den 3. Geburtstag.
Es gibt aber immer wieder individuelle Abweichungen. Wenn sich ein Kind also schon viel früher für Zahlen zu interessieren beginnt, kann das ein Anzeichen für eine Hochbegabung in diesem Bereich sein. Es kann aber auch sein, dass das Kind, diesen Schritt einfach früher vollzieht.

Ich würde daher mein Kind einfach seinen Interessen gemäß fördern und ihm nicht gleich den Stempel „Hochbegabung“ aufdrücken. Das ist nämlich für diese Kinder nicht nur von Vorteil.

Soziale Kompetenzen

Außerdem kommt es oft vor, dass gerade intellektuell hochbegabte Kinder hinsichtlich ihrer sozialen Kompetenzen etwas „hinterherhinken“.

Das hat verschiedene Gründe. Ist ein Kind sprachlich sehr begabt, dann ist es einfach in seiner Natur begründet. Es versteht einfach viele Dinge schon besser, als Altersgenossen. Es kann sich besser ausdrücken. – So steht es oft mit großem Unverständnis vor einem anderen Kind, das seine Ansprüche körperlich oder mit Weinen ausdrückt.

Viele Hochbegabte zählen zu den Introvertierten, Stillen oder Hochsensiblen. Sie haben Schwierigkeiten sich in Gruppen einzugliedern. Es ist ihnen zu laut. Sie nehmen wenig Anteil, weil sie in ihrer eigenen Welt versinken.

Für Eltern ist es also ganz wichtig, dass sie ihr Kind auch in diesem Bereich beobachten und unterstützen.

Motorische Entwicklung

Oft kommt es auch vor, dass hochbegabte Kinder motorisch mit den Altersgenossen nicht mithalten können. Je nach Temperament gehen sie unterschiedlich damit um.
Die einen wissen, wie sie es machen müssten und geraten selbst in Wut, dass sie die gedachten Bewegungsmuster nicht körperlich umsetzen können.
Die anderen nehmen es eher gelassen.

Beide Typen brauchen Unterstützung. Im ersten Fall, um die Wut zu kanalisieren und auch um zu lernen, dass nicht alles auf Anhieb gelingt.

Coping-Strategien finden

Im anderen Fall brauchen sie Motivation und Strategien, um motorische Fähigkeiten zu erlernen.

Ich hatte beide Beispiele in meiner Familie.

Mein Sohn zählte zu den ersteren. Für ihn war es wie eine Erlösung, als wir ihn zu einem Jiu-Jitsu-Kurs angemeldet hatten. Er lernte dort nicht nur seinen Körper zu kontrollieren. Jede Übungsstunde begann mit einer kurzen Meditation. Und er begriff endlich, wie viel Kraft in ihm steckt.

Der zweite Fall war mein Neffe, der sprachlich extrem begabt ist. Als er Rad fahren lernte, hatte er eine eigene Strategie. Mein Bruder hatte ihm gesagt, worauf er achten müsse.
Einen ganzen Nachmittag gab er sich während des Übens ständig selbst laut die Anweisung: „Rad gerade hinstellen – Lenker gerade richten – beide Hände auf die Lenkstange – aufsteigen – geradeaus schauen – treten“. Er machte das mit viel Geduld und großer Konsequenz und nach 2 – 3 Stunden konnte er Rad fahren.

Wie kann Montessori-Material unterstützen?

Der Ansatz der Montessori-Pädagogik ist, dass jedes Kind mit dem Material arbeiten darf, für das es sich gerade interessiert. So nützt das Kind ganz natürlich die Phasen der größten Empfänglichkeit.

Die große Kunst der Pädagoginnen ist es, die Kinder auch für die Bereiche zu interessieren, die nicht ganz seinen Neigungen entsprechen. Denn im Laufe eines Kindergarten- oder Schuljahres sollte ein Kind alle Arbeitsmaterialien, die für dieses Schuljahr vorgesehen sind, bearbeitet haben.

Es steht ihm aber frei, in dem Bereichen, für die es sich besonders interessiert mehr als üblich zu machen.

Die Montessori-Materialien für die Altersgruppe 3 – 6 Jahre sind sehr umfangreich und bieten wirklich jede Möglichkeit auch Hochbegabte zu fördern.

Interessen gekonnt nützen

Es ist möglich ein Kind mit Inselbegabung zu unterstützen auch die Teilbereiche abzudecken, für die es sich nicht so sehr interessiert. Du kannst dazu sein spezielles Interesse nützen.

Nehmen wir an, dein Kind interessiert sich für Mathematik und Technik. Mit Sprache, lesen und schreiben hat es nicht so viel am Hut. Dann sollten die ersten Lesewörter aus dem Technikbereich kommen. Also z. B. Automarken.

Das funktioniert auch bei naturwissenschaftlich begabten oder interessierten Kindern. Ich habe Kinder erlebt, die nicht in der Lage waren das Wort Haus zu lesen. Bei Styracosaurus oder Diplodocus kamen sie nicht einmal ins Stolpern. Einfach weil ihr Interesse an Dinos so groß war, dass der Eifer, mehr zu wissen, die Leseunlust überwog.

Auch das Radfahr-Erlebnis weiter oben, ist ein weiteres Beispiel für diese Vorgangsweise.

Umgekehrt finden motorisch veranlagte Kinder, die Arbeit mit dem Arithmetik-Material oft so spannend, dass sie sich doch für das Rechnen interessieren.

In welchen Bereichen du dein Kind mit Montessori-Material fördern kannst, erfährst du in einem Folgeartikel.

Ilse Lechner

Ilse Maria Lechner unterstützt Familien dabei, den Alltag gelassen zu gestalten. Ihr liebevoller Blick gilt dabei den Müttern, die viele verschiedene Aufgaben managen. Durch ihre Erfahrung als Montessori-Pädagogin hat sie viele Anregungen parat, wie sich diese Last auf alle aufteilen lässt, sodass am Schluss alle davon profitieren.