In meinem ersten Gastartikel bei Daniela bin ich ja darauf eingegangen, dass es eine allumfassende Hochbegabung nur ganz selten gibt. Meist handelt es sich um eine Inselbegabung. Manchmal ist es auch ein vorgezogener Entwicklungsschritt, der das Kind im Vergleich zu anderen seines Alters als hochbegabt aussehen lässt. Das kann sich dann mit der Zeit wieder ausschleifen.

Stärken stärken

Im Sinne des Mottos Stärken stärken und nicht auf Schwächen herumreiten, solltest du dein Kind in solchen Phasen auf alle Fälle unterstützen. Gib ihm das „Futter“ das es braucht. Selbst wenn es ein vorgezogener Entwicklungssprung ist, kann daraus ein lebenslanges Interesse entstehen, wenn du gut darauf eingehst.

In welchen Bereichen ist eine Förderung möglich?

Grundsätzlich gibt es keinen Bereich, in dem du dein Kind nicht fördern kannst. Gefragt ist hier nur deine Findigkeit.

Ich bin, wie schon erwähnt, für die Altersgruppe 3 – 6 Jahre ausgebildet und werde daher in meinen Beispielen auch auf diese Altersgruppe eingehen. Du kannst das Prinzip aber jederzeit auf ältere Kinder übertragen. Wie du bereits dein Baby sinnvoll fördern kannst, kannst du hier lesen.

All die Materialien, die ich hier vorstelle, sind in jeder Montessori-Einrichtung verfügbar. Sie zählen zu den Basismaterialien.

Du kannst ein Kind in einem Bereich, wo es nicht so begabt ist, mit denselben Materialien fördern, mit denen du ein begabtes Kind unterstützen kannst, seine Fähigkeiten zur Meisterschaft zu bringen.

Bewegung

Ich fange absichtlich mit diesem Bereich an. Einerseits, weil es ein Bereich ist, der im Kindergarten- und Schulalltag oft nachrangig gefördert wird. Andererseits, weil eine gute Bewegungsentwicklung so wichtig für viele andere Bereiche ist.

Feinmotorik

Es gibt Kinder (meist sind es Mädchen), denen ist nichts fein genug. Sie lieben es kleine Flächen auszumalen, winzige Perlen zu fädeln oder Ähnliches.
Wenn du merkst, dass dein Kind dafür gut aufnahmefähig ist, dann fördere das. Damit kannst du schon sehr früh beginnen. Etwa im Alter von 2 Jahren. Jetzt wirst du vielleicht sagen: „In dem Alter habe ich doch Angst, dass kleine Teile verschluckt werden!“ Auch dafür gibt es Abhilfe.

Biete deinem Kind verschiedene Gegenstände zum Greifen anderer Gegenstände an. Z. B. Gurkenzange, Zuckerzange, Schneckenzange, Pinzette etc. Als Gegenstände zum Greifen eigenen sich Styroporkugeln, Glasnuggets, Holzkugeln, kleine Wollknäuel u. Ä.

Auch die Arbeit mit der Pipette und der Seifenklette ist spannend. Hier wird die Feinmotorik extrem geschult und die kleinen Kinder sind fasziniert von dem einzelnen Tropfen, der in der Mulde stehenbleibt.

Du kannst deinem Kind auch alle möglichen Dinge zum Öffnen und Schließen anbieten. Einerseits machen das Kinder in dem Alter gerne, andererseits kannst du dabei auch schon ein Interesse an mechanischen Dingen fördern. Wenn du das willst, kannst du Schrauben und Muttern, Karabinern und derlei Dinge anbieten.

Gleichgewichtsgefühl

Hier sind deiner Fantasie keine Grenzen gesetzt. Nützt den Randstein und jede niedrige Mauer zum Balancieren, beworgt euch ein Wackelbrett oder einen flachen Luftposter.
Im Fortgeschrittenen Stadion können Kinder z. B. auf diesem Luftpolster stehen und einen Ball fangen.

Bereich Mathematik

Für den Bereich der Mathematik und Arithmetik gibt es umfangreiches Material.

Darüber habe ich in meinem eigenen Blog schon ausführlich geschrieben. Wenn du tiefer in den Bereich eintauchen willst, dann klicke hier für Arithmetik-1 und hier für Arithmetik-2.

Hier gehe ich auf das Material für Geometrie ein.

Zum Kennenlernen von Körpern sind die blauen Körper ideal.
Die Kinder lernen die Begriffe kennen und haben schon durch das Greifen eine Raumerfahrung der einzelnen Körper, auf die sie später beim Zeichnen zurückgreifen können. Sie können Ecken, Kanten und Flächen zählen. Später können sie die Netze auf Papier übertragen und erforschen, aus welchen einzelnen Formen sich die Netze zusammensetzen.

 

Hier siehst du schön, dass einem interessierten Kind – eventuelle sogar mit Hochbegabung in diesem Bereich – viele Möglichkeiten offen stehen. Und das ohne Druck. Es wird einfach der Forscherdrang unterstützt.

Ein anderes Material in diesem Bereich ist die geometrische Kommode. Sie besteht aus der Basislade mit den Formen Dreieck – Kreis –Quadrat. Weiters gibt es eine Kreislade mit Kreisen verschiedener Größen, eine Rechteckslade mit Rechtecken verschiedener Größen und einem Quadrat als Sonderform des Rechteckes, eine Lade mit verschiedenen Dreiecken, einer Viereckslade (Trapez, Deltoid, Raute, Parallelogramm …) und eine Lade mit den Sonderformen (Kreisbogendreieck, Ellipse, Ei-form und Kreuzblume). Allein schon bei der Nennung der Begriffe wird klar: es gibt viele Erwachsene, die diese Formen nicht korrekt benennen können.

Sprache

Viele Kinder entwickeln schon im Alter von ca. 5 Jahren ein großes Interesse für Sprache und Schrift. Leider trauen sich viele Eltern nicht, diesem Interesse nachzugeben, weil sie Angst haben, dass sich ihr Kind in der Schule sonst langweilen könnte. Auch ich hatte bei meinen Kindern diese Bedenken.

Mittlerweile sehe ich das vollkommen anders. Gerade im ersten Schuljahr sind die Kinder sehr gefordert. Sowohl was die Organisation, als auch was die soziale Komponente betrifft. Es entlastet sie also, wenn sie schon ein wenig schreiben und lesen können.

Wortschatz

Um den Wortschatz deines Kindes zu erweitern, benennst du einfach die Dinge mit denen es zu tun hat. Wenn du seine Interessen förderst, dann wird es auch eine Menge Fachvokabular lernen. Kinder lieben das. Es gibt 5-jährige, die alle Saurier mit den korrekten, wissenschaftlichen Namen kennen, andere kennen sämtliche Automarken oder die Namen aller Werkzeuge.

Spiele wie Pokémon haben sich das zunutze gemacht. Sie haben den kindlichen Spieltrieb mit einer Menge „Fachvokabular“ verknüpft. Wenn sich Kinder 720 (Stand 2016) Pokémon mit all ihren Eigenschaften merken können, warum wollen wir dieses Interesse und diese Gedächtniskapazität nicht auch woanders nutzen? 😉

Klassifikation

Gerade Sprache kann dein Kind darin unterstützen, seine Gedanken und sein Verständnis zur Welt zu ordnen. Das beginnt automatisch, sobald ein Kind begreift, dass es für bestimmte Nomen Überbegriffe gibt. Also Äpfel, Birnen, Bananen, Erdbeeren sind Obst. Sessel, Tisch, Sofa, Kasten gehören zu den Möbeln.

Das kannst du gut mit konkreten Gegenständen oder Bildkärtchen unterstützen und so deinem Kind helfen, seine Welt zu ordnen.

Auch diese Karten dürfen natürlich den Interessen deines Kindes folgen. Es interessiert sich für Werkzeug? Wunderbar, dann zeig ihm dass es nicht nur den Oberbegriff Werkzeug gibt, sondern auch Tischlerwerkzeug (Hobel, Feile, …), Mechaniker Werkzeug (Wagenheber, Schraubenschlüssel, …), Glaserwerkzeug (Glasschneider, Saugheber, Ölglasschneider, …)

All das geht spielerisch und mit Bildern. Also schon sehr früh, wenn dein Kind ein echtes Interesse hat. Quäl es aber nicht unnütz, nur weil du meinst, du musst es schon früh fördern!

Wie du siehst, erfolgt die sprachliche Förderung ganz nebenher, wenn dein Kind ein neues Gebiet lernt.

Schrifterwerb und Lesen

Du kannst dein Kind beim Lesen lernen und beim Schrifterwerb unterstützen, indem du unter ein Bildkärtchen das passende Wort schreibst.

Naturwissenschaften

Es interessiert sich für Tiere? Fein, dann bring ihm die Einteilung der Tiere näher. Hier kannst du gleich zeigen, dass es verschiedene Einteilungen und Überschneidungen gibt. Du kannst einteilen nach Wassertieren und Landtieren, nach Fischen – Vögeln – Insekten – Säugetieren, nach Wirbeltieren und wirbellosen Tieren, nach Kaltblütern – Warmblütern – Wechselwarmblütern …

Auch hier kannst du mit Kärtchen arbeiten und die Zuordnung bildlich darstellen.

Du siehst es gibt ganz viele Möglichkeiten, dein Kind zu fördern. Gerade Kinder in der Altersgruppe 0 – 6 Jahren lernen unheimlich viel. Sie saugen Wissen auf, wie ein Schwamm. Rund um das 4. Lebensjahr fragen sie uns Müttern ohnehin Löcher in den Bauch. Warum ist der Himmel blau? Wie unterhalten sich Ameisen? Warum schimmern Ölflecke in allen Farben? Warum kann ich den Mond manchmal ganz und manchmal gar nicht am Himmel sehen? (All dies sind konkrete Fragen, die mir von meinen Kindern gestellt wurden!)

Bemühst du dich, auf diese Fragen einzugehen, dann wird dein Kind sicher profitieren. Es wird ein gutes Grundwissen haben und sich das Interesse für die Welt behalten. Ich glaube, die fehlende Lernbereitschaft mancher Kinder liegt nicht nur am Schulsystem, sondern, weil sie schon sehr früh auf ihre Fragen die Antwort bekommen: „Das lernst du später!“ Sie wollen es aber JETZT wissen. JETZT ist es interessant.

Da geht es uns Erwachsenen doch ganz ähnlich. Wenn wir eine brennende Frage haben, wollen wir auch gleich eine Antwort und nicht erst in zwei Wochen.

In meiner Video-Serie „Gelassenheit in herausfordernden Erziehungssituationen“ zeige ich dir, wie du dein Kind besser verstehst und die Gründe und Bedürfnisse hinter seinem Verhalten erkennst. Hier kannst du die Videoserie abonnieren.

 

Ilse M.Lechner

 

(Bildrechte: Ilse M.Lechner)

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Ilse Lechner

Ilse Lechner

Ilse Maria Lechner unterstützt Familien dabei, den Alltag gelassen zu gestalten. Ihr liebevoller Blick gilt dabei den Müttern, die viele verschiedene Aufgaben managen. Durch ihre Erfahrung als Montessori-Pädagogin hat sie viele Anregungen parat, wie sich diese Last auf alle aufteilen lässt, sodass am Schluss alle davon profitieren.