03_Logo Praxis   Benutzt man die Wörter Pubertät und Gehirn oder gar Pubertät und Verstand in einem Satz führt dies meist zu großem Gelächter und zu Sätzen wie: „Können die überhaupt denken?“, „Die benehmen sich schlimmer als jedes Kleinkind“ oder „Denken die überhaupt einmal nach?“  
Wenn man sich die Verhaltensweisen von Jugendlichen in diesem Alter anschaut, sind die Einwände der Eltern, Lehrer und Bezugspersonen auch häufig verständlich, denn das Verhalten von Jugendlichen in der Pubertät zeichnet sich häufig nicht gerade dadurch aus, dass es besonders „bedacht“ auf andere wirkt.

Robin, der Kiffer

Nehmen wir ein Beispiel aus meiner Praxis: die Mutter kommt mit ihrem damals 17-jährigen Sohn – wir nennen ihn Robin – in die Praxis. Robin geht schon seit 4 Jahren nur sporadisch zur Schule, seit einem Jahr hat er die Schule gar nicht mehr von innen gesehen. Er hat bis dato lediglich einen schlechten Hauptschulabschluss geschafft. Den ganzen Tag hängt er zu Hause rum, wie sich später herausstellt kifft er exzessiv (bis zu 7 Joints täglich) und gibt zu Hause den „Bestimmer“. Läuft etwas nicht so, wie Robin es sich vorstellt, bekommt er ausgeprägte Wutausbrüche und „macht dicht“. Robin selber weiß zwar irgendwie, dass es so nicht wirklich weitergehen kann, allerdings hat er auf Schule keinen Bock, arbeiten kann er sich auch nicht vorstellen, wisse auch gar nicht, welchen Beruf er – auch unabhängig von seinem schlechten Schulabschluss – einmal gerne machen würde. Allen Anforderungen entzieht er sich, überhaupt findet er Deutschland „total doof“, zu viele Regeln und Gesetze, er wolle da „einfach nicht mitmachen“.   Was passiert nun im Oberstübchen dieser jungen Menschen, dass sie scheinbar nicht fähig sind, auch nur ansatzweise die Folgen ihrer Handlungen abzuschätzen und nicht in der Lage sind, langfristige Ziele zu verfolgen?

Puber-WAS???

Die Pubertät gilt als Phase der sexuellen Reifung und ist ein Teil der Adoleszenz. Letztere ist die Entwicklungsphase eines Menschen, die zwischen dem 11. und 21. Lebensjahr verortet ist. Während der Adoleszenz kommt es nicht nur zu einem gewaltigen Wachstumsschub des Gehirns, sondern es vollzieht sich zudem eine grundlegende Neuorganisation im Gehirn, die einschneidende Veränderungen zur Folge hat.  Der Fokus liegt auf den häufig aktivierten Nervenverbindungen (abhängig von individuellen Vorlieben, Umfeld, Interessen, Charakter etc.), diese werden optimiert, die selten gebrauchten Nervenverbindungen dagegen werden abgebaut.

The Brain

Das Gehirn besteht aus unterschiedlichen Strukturen mit jeweils eigenen Funktionen. Jede dieser verschiedenen Hirnregionen folgt der Entwicklung in ihrer eigenen Geschwindigkeit. Die an der Verarbeitung von Emotionen beteiligten subkortikalen Hirnareale wie das limbische System und das Belohnungssystem reifen schnell. Länger dauert es (leider) beim präfrontalen Kortex, der an der Stirnseite des Gehirns lokalisiert ist (auch Strinlappen genannt). Dieser trägt vorzugsweise für die Handlungsplanung und andere höhere kognitive Leistungen die Verantwortung. Die unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Jugendlichen mit ihren eigenen Problemen und Fähigkeiten werden also grundlegend von der Geschwindigkeit, mit der sich die unterschiedlichen Hirnregionen entwickeln, vorgegeben.   Das für diese Zeit so typische Ungleichgewicht zwischen Emotionen und Verstand ist somit evolutionär vorprogrammiert, auch wenn einschränkend gilt, dass der Ausprägungsgrad des Risikoverhaltens nicht nur neurobiologisch, sondern auch sozialen und kulturellen Einflüssen unterliegt.  Schon um 1900 herum beschrieb der Psychologe Stanley Hall die Adoleszenz als eine von „Storm and Stress“ geprägte Zeit mit drei Merkmalen: Konflikte mit den Eltern, Stimmungsschwankungen und riskantes Handeln.

No risk, no fun

Viele pubertätstypsiche Verhaltensweisen sind dem Zusammenwirken schneller und langsamer reifender Hirnregionen geschuldet: das Programm „no risk no fun“ läuft z.B. dann ab, wenn die Region für „Gefühlsdoping“ bereits entwickelt ist, nicht jedoch der Bereich, der Impulse und Emotionen bändigt. In dieser Zeit liegt die höchste Priorität der Teenager auf kurzfristiger Belohnung (insbesondere Anerkennung von Gleichaltrigen), wohingegen das Abschätzen des Risikos und der Folgen ihrer Handlungen völlig in den Hintergrund tritt.   Zwar sind die Teenager aufgrund dieser Entwicklung nicht gänzlich unfähig, eine vernünftige Entscheidung zu treffen, allerdings fällt es ihnen deutlicher schwerer, insbesondere wenn eine kurzfristige Belohnung wahrscheinlich ist oder Gleichaltrige in der Nähe sind.  

Gestörte Kommunikation

Das Risikoverhalten ist allerdings nicht das einzige „Handicap“ unserer Teenager. Nicht nur die unterschiedliche Geschwindigkeit bei der Entwicklung der verschiedenen Hirnareale lässt sie häufig „seltsam“ wirken. Zudem läuft  die Kommunikation zwischen den Hirnregionen bei ihnen ebenfalls nicht optimal. Das Gleichgewicht zwischen den Aktivitäten der unterschiedlichen Hirnregionen ist labil und wechselt schnell die Fronten (gerade erklärt Ihnen ihr Teenager ganz erwachsen die Welt und will auch eigentlich ausziehen, 5 Minuten später kommt er auf Ihren Schoß kuscheln). Zudem unterzieht sich auch die Kommunikation zwischen den verschiedenen Hirnregionen einem Wandel: von breit gestaffelt zu effizient.

Auswirkungen auf Denken, Fühlen und Handeln

Die „Umbauarbeiten“ im Gehirn während der Adoleszenz wirken sich noch auf zig Bereiche im Denken, Fühlen und Handeln der Teenager aus. Ihr intellektuelles Potenzial entwickelt sich, der Bereich ihrer erlebten Emotionen weitet sich dramatisch aus und sie entwickeln deutlich mehr Sensibilität für die Ansichten ihrer relevanten Gleichaltrigen. Diese Veränderungen haben wiederum Auswirklungen auf der Handlungsebene und zeigen sich z.B. darin, wie Teenager neu erworbenes Wissen anwenden, mit eigenen Emotionen umgehen und soziale Beziehungen knüpfen. In diesen Bereich fällt auch das große Thema Abgrenzung zu und Infragestellung von den Eltern: alles will der Jugendliche anders machen, was die Eltern sagen, machen und vorgeben wird grundsätzlich erst einmal abgelehnt. Höchste Priorität hat die Anerkennung von Gleichaltrigen, die Eltern treten (vermeintlich) deutlich in den Hintergrund. Denken Sie als Eltern an das wichtige Mantra: „Sie meinen es nicht persönlich“. Sie müssen so handeln. Hormone

Auch hormonelle Veränderungen spielen bei der Erklärung des Verhaltens von Teenagern eine große Rolle.  Hormone spielen nicht nur bei der Entwicklung der Geschlechtsreife und bei körperlichen Veränderungen eine große Rolle, sie kommunizieren auch mit unserem Gehirn und üben somit einen großen Einfluss auf das Fühlen und Denken aus. Gehirnfunktionen und Hormonhaushalt stehen in enger Beziehung zueinander und sind aufeinander angewiesen. Hormonelle Schwankungen verursachen stärkere und rasche Stimmungsschwankungen, da sich Hormone direkt auf die Hirntätigkeit auswirken und den emotionsverarbeitenden Hirnarealen einen ordentlichen „Boost“ geben.

Jetlag

Auch der Wach- und Schlafrhythmus von Teenagern gerät häufig durcheinander. Dies ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass der Körper während der Pubertät das Schlafhormon Melatonin immer später ausschüttet. Die führt zu einer Veränderung des Bio- und somit auch des Schlaf- und Wachrhythmus der Jugendlichen. Dadurch dass in Deutschland die Schulen und auch Arbeitsstellen meist früh beginnen, befinden sich die Jugendlichen ständig im Jetlag und laufen Gefahr, unter chronischem Schlafmangel zu leiden.

Wegen Umbau geschlossen

Das pubertäre Gehirn ist somit vergleichbar mit einer Baustelle: immer wieder werden bestimmte Spuren geschlossen, andere kurzfristig geöffnet, zeitweise ist auch eine Vollsperrung nötig, um den Ausbau voranzutreiben. Insofern ist zielgerichtetes und planvolles Handeln sowie Selbständigkeit von unseren Teenagern nur bedingt zu erwarten. Insbesondere Handlungsplanung und das Planen langfristiger Ziele sind komplexe Vorgänge, die vorzugsweise in einem Hirnareal stattfinden (frontaler Kortex), welches in der Adoleszenz noch nicht ausgereift ist. Das Gehirn unserer Teenager befindet sich noch mitten in einem Wachstumsprozess, während dessen die emotionsregulierenden Regionen des Gehirns das letzte Wort haben.

Robins Erkenntnis

Kommen wir zum Schluss nochmal kurz zu Robin zurück, der nicht nur ein typisches Beispiel für pubertäres Risikoverhalten ist, sondern auch dafür, wie schnell sich dies manchmal wieder ändern und in ein komplettes Gegenteil umschlagen kann: Nach etwa einem Jahr, in dem Robin eher weniger als mehr therapiemotiviert war, beendeten wir in allerseitigem Einvernehmen die Therapie, da diese wenig erfolgversprechend erschien. Weitere drei Monate später erhielt ich eine Email von Robin, ob er nochmal zu einem Gespräch kommen könnte, es hätte sich viel verändert: nach einem gemeinsamen „Kiff-Abend“ mit seinen Freunden hätte er plötzlich Angst bekommen, dass sein Leben immer so bleiben würde, er „auf dem Zeug hängen bliebe“: am nächsten Tag schmiss er sämtliche Kiffer-Utensilien aus in den Müll, das restliche Cannabis entsorgte er in der Toilette, er unternahm auf eigene Faust (mit Unterstützung der Mutter) einen kalten Entzug, nahm in dieser Zeit zudem noch 40kg in drei Monaten (!) ab und schaffte es von Stund an zumindest einen Tagesrhythmus einzuhalten (aufstehen um 8.30Uhr, 3 Mahlzeiten am Tag, ca. 24 Uhr ins Bett gehen). Er unterstützt seine Mutter seitdem deutlich mehr im Haushalt und ist sehr bemüht, seine Wutausbrüche unter Kontrolle zu bekommen. Aktuell arbeiten wir an der Entwicklung einer beruflichen Perspektive.

Soll und Haben

Fast kein Teenager ist über Strafen (sprechen das Belohnungssystem nicht an) und/oder Moralpredigten (zu langfristig) zu erreichen, auch wenn es als Eltern noch so schwer fällt. Diskussionen führen meist nur zu großen Konflikten und Herzbeschwerden der Eltern.
Versuchen Sie, die Beziehung, die Sie in den Jahren vor der Pubertät zu Ihrem Kind aufgebaut haben, zu nutzen. Diese ist ihr Kapital. Betrachten Sie diese wie ein Bankkonto. Die letzten Jahre haben Sie kontinuierlich darauf eingezahlt, nun ist es nicht so schlimm, wenn während der Pubertät auch mal etwas abgebucht wird, das hält jede Beziehung und auch jedes Bankkonto aus. Auch Ihr Teenager wird während seines „Umbaus“ gute Phasen haben, nutzen Sie diese, um das Konto wieder aufzufüllen. Gehen Sie auf seine Interessen, seine Lebenswelt und sein Umfeld ein, beteiligen Sie sich, so weit ihr Teenager es zulässt, an seinem Leben. Eine gute Beziehung wird Ihnen auch in stürmischen Zeiten die Autorität geben, die Sie bei Konflikten benötigen, auch wenn es im ersten Moment nicht so erscheint. Verlieren Sie nicht das Vertrauen, weder in sich, noch in Ihren Teenager, er hat die letzten Jahre mit Ihnen nicht vergessen, der Zugang zu diesen ist nur gerade aufgrund von Umbauarbeiten geschlossen 😉

 

Julia Lange18_Taufe www.quovadix.de Julia Lange therapiert in ihrer Praxis Kinder und Jugendliche von 6 – 21 Jahren mit unterschiedlichsten psychischen Störungsbildern, Schwerpunkt Pubertät und junges Erwachsenenalter. Sie hilft diesen Jugendlichen, sich selbst und ggf. auch das Gegenüber besser zu verstehen, zu hinterfragen, die Perspektive zu wechseln und Handlungsalternativen zu bisher dysfunktionalen Verhaltensweisen zu generieren. Zudem ist sie Mensch, Modell und Lebensbegleiter in dieser turbulenten Phase. Sie hat 2006 ihr Diplom in Erziehungswissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster abgeschlossen, Diplomarbeit Thema „Magersucht als Suche nach Autonomie? Aufgaben und Grenzen pädagogischer und therapeutischer Hilfen“ und anschließend hat sie das postgrad. Studium zur Kinder-und Jugendlichenpsychotherapeutin (Verhaltenstherapie) absolviert und so 2010 die Approbation erlangt. Seither ist sie in eigener Praxis mit Zulassung für alle Kassen tätig. Während dieser Zeit hat sie selbst ihren Ziehsohn durch die Pubertät begleitet.   Gastartikel für Daniela Strube KeepCoolMama

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