Martin Müller ist Vater einer 18jährigen Tochter und mir durch seine tollen Texte in einer Facebook-Gruppe aufgefallen. Er beschreibt mit viel Gefühl und auch sehr unterhaltsam, seine Sicht auf die Pubertät und die damit verbunden täglichen Herausforderungen und Erlebnisse. Da er (noch) keinen eigenen Blog hat, habe ich ihn gefragt, ob ich von diesen Sachen einige auf KeepCoolMama bloggen darf und freue mich sehr, dass er zugesagt hat. Somit ist das auch gleich eine Premiere auf dem Blog. Der allererste Papa, der uns auch noch einen Knaller liefert 🙂

Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen!

Was ganz sicher ist!

Dass die Pubertät ein Kind, und somit leider auch die Eltern überkommt, ist fast so sicher
wie, dass es nachts dunkel wird, der Heilige Abend auf den 24. Dezember fällt, oder mir beim Wochengrosseinkauf eine Tüte „Storck-Riesen“ in den Einkaufswagen fällt.
Gut, es gibt Unterschiede beim Alter des „Überkommens“, auch in der Art und Weise. Es gibt Kids, die pubertieren für drei, und es gibt solche, bei denen fällt das Ganze eher mau – also schonend für die Eltern – aus. Um bei dem Vergleich vom Anfang zu bleiben: es wird nachts dunkel, aber eben im Sommer später, im Winter eher, aber es wird dunkel…….sicher! Die „Storck-Riesen“ esse ich auch nicht immer in 15 Minuten auf, an schlechten Tagen brauche ich für eine Tüte doch glatt eine halbe Stunde. Vielleicht gibt`s bei der Pubertät auch Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen……fest steht jedenfalls (fast): die Pubertät kommt…….irgendwann!

Die Unterschiede

Unterschiede gibt´s aber auch darin, wie Eltern damit umgehen. Selbst bei einem Elternpaar – also Mama und Papa – gibt es oft Unterschiede.
Meist ist es so, dass der Vater – oft auch abwertend “ Erzeuger“ genannt – das Ganze eher aus der Distanz betrachtet und gerne Konflikten aus dem Weg geht, während die Mutter viel emotionaler, mit viel Herzblut an die Sache herangeht. Oft regt sie sich dermaßen auf, dass sie sich in einer Facebook-Gruppe zum Thema „Pubertät“ anmeldet, um sich auszuweinen oder sich Rat zu holen.
Es kommt aber auch vor, dass ein Elternteil seine Art, mit der Pubertät umzugehen, im Laufe der Jahre ändert, und somit wäre ich bei dem anhängenden Bild. Ich denke, dass GELASSENHEIT ein unverzichtbarer Wert ist, um durch nicht ganz so einfache Zeiten oder Krisen zu kommen. Mit „nicht ganz so einfache Zeiten“ meine ich eben die Pubertät, bei „Krisen“ denke ich an Jobverlust, schwere Krankheit, Tod eines geliebten Menschen. Alles schon erlebt.

Ich meine GELASSENHEIT aber nicht im Sinne von „Mir ist alles egal“. Man ist auch nicht eine schlechtere Mutter oder ein schlechterer Vater, wenn man Gelassenheit an den Tag legt. Genauso wie es Unsinn ist, dass man eine schlechtere Mutter ist, wenn man arbeiten geht, weil man dann ja sein Kind vernachlässigt. Gelassenheit also nicht im Sinne von Gleichgültigkeit oder Phlegma, sondern……….
……..im Laufe der Pubertät zu lernen, zu differenzieren, zu erkennen, was man nicht ändern kann, weil es nun mal Pubertät ist. Wenn man versucht etwas zu ändern, was nicht zu ändern ist, geht dies an die eigene Substanz, es geht einem nicht gut, unter Umständen wird man sogar krank oder man will abhauen, einfach weg!

Ganz WICHTIG!

Ich bin überzeugt davon, dass man das, was man fühlt oder denkt, auch ausstrahlt. Wenn man sich aber in der Pubertät lediglich auf die Dinge konzentriert, die man ändern kann, erleichtert dies einem die Sache, und es geht einem besser, man strahlt dies auch aus, die Mitmenschen spüren das, auch das eigene Kind. Ich habe mir also im Laufe der Pubertät eine gewisse Gelassenheit angewöhnt, und differenziere zwischen „Da machst Du nix, das ist nun mal so, da rege ich mich nicht mehr drüber auf“ und „Da versuche ich mal, positiv Einfluss zu nehmen, weil es realistisch ist“. Diese Gelassenheit, dieses Differenzieren ist etwas, was bei fast jedem mit dem „Älterwerden“ automatisch kommt. Gut, ich muss dazu sagen, ich hatte schon immer die Ruhe weg, wenn´s mal kritisch wurde, aber die Pubertät war und ist auch für mich eine völlig neue Herausforderung.

Diese Unterscheidung zwischen Dingen, die ich beeinflussen kann und die ich nicht beeinflussen kann, hat sich noch verstärkt durch mein „Burnout“. Ich nehme einfach noch mehr Dinge als früher als einfach gegeben hin, als etwas, was ich nicht ändern kann. Das gilt nicht nur in Bezug auf die Pubertät, sondern auch für andere Lebensbereiche. Der Stau bleibt ein Stau, auch wenn man wild aufs Lenkrad haut und hupt. Das verregnete Wochenende bleibt ein verregnetes Wochenende, und man sollte sich dieses nicht noch zusätzlich vermiesen, indem man sich übers Wetter aufregt, sondern man gestaltet es sich eben anders. Und wenn der Schiedsrichter gestern gegen uns einen Elfmeter pfeift, dann hat man das vor dem Fernseher hinzunehmen, denn er wird seine Entscheidung nicht zurücknehmen.
Das gilt oft auch in Bezug auf Personen. Der Mensch bleibt in seinem Kern immer gleich, und die allermeisten Versuche eines Ehepartners, den anderen zu ändern, enden im Chaos! Ich denke, meine Frau und ich sind auch deswegen bald zwanzig Jahre verheiratet, weil wir nie versucht haben, den anderen zu ändern, sondern weil wir den anderen so akzeptieren und lieben, wie er ist, inklusive seiner ganz eigenen Vergangenheit, seiner ganz eigenen Geschichte, aufgrund dessen er ist, wie er eben nun mal ist.

Ich habe aufgehört, mich darüber aufzuregen, dass Töchterchens Zimmer manchmal so aussieht wie nach einem Bombenangriff, weil ich weiss – auch aufgrund der Berichte hier – dass es in der Pubertät normal ist.

Ich habe aufgehört, mich darüber aufzuregen, dass sie mit einer Freundin in fünf Minuten mehr redet als mit ihren Eltern in einer Woche. Das ist nun mal so, aber es wird sich ändern. Irgendwann.

Ich habe aufgehört, junge Männer, mit denen sie zu tun hat, argwöhnisch zu betrachten, weil ich jetzt nicht mehr der wichtigste Mann in ihrem Leben bin. Ich freue mich, sie glücklich zu sehen.

Ich habe aufgehört, mich darüber aufzuregen, dass sie eben nichts mehr mit uns unternehmen möchte, also unternehme ich etwas mit meiner Frau. Lauf der Dinge eben.

Ich habe aufgehört, mich darüber aufzuregen, dass Töchterchen bei 17 Grad ärmellos auf die Strasse geht, und bei 27 Grad mit einer Fleecejacke. Pubertät eben, und immer noch besser als mit weissen Socken und Sandalen.

Erziehung ist lange vorbei, es lebe das Begleiten. Neben ihr hergehen, oder besser noch hinter ihr, ohne sie aber an die Hand zu nehmen. Sie ihren eigenen Weg gehen lassen, unauffällig ab und an hinschauen, ob vielleicht etwas in die falsche Richtung läuft, um dann aufgrund von Lebenserfahrung mal was anzumerken. Vorsichtig natürlich

Das ist das, worauf ich mich mittlerweile konzentriere. Damit geht es mir besser, meine Tochter lernt, ihren Weg zu finden, und ich strahle etwas Positives und etwas Zufriedenes aus.

Man sagt ja immer, Pubertät ist die Zeit, wo im Kopf des Kindes Umbauarbeiten stattfinden.
Umbauarbeiten sollten meiner Meinung nach aber auch im Kopf der Eltern stattfinden, nämlich dahingehend, dass man lernt, zu differenzieren, worüber in der Pubertät man sich aufregen sollte, und worüber nicht.

Einfach positiv gelassener werden eben……….

Martin Müller 

P.S. Wenn du genauso begeistert bist von diesem Artikel, wie ich und das Martin mitteilen möchtest, oder uns erzählen möchtest, wie das bei euch so ist, freuen wir uns über einen Kommentar von dir!

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