„Mama, du bist meine Lieblingsfarbe“

Dies sagte sie mir einmal mit ihrem süßen Stimmchen, während sie ihre zarten 3jährigen Arme um mich schlang. Wie sehr ich diese junge Stimme liebte. Wie ergriffen ich war. Ich weiß noch, dass ich weinen musste, denn so ein Kompliment, solche synaptischen Verknüpfungen in meinem Hirn und Herzen hätte ich nie zustande gebracht.

Nie dagewesene Wortkombinationen, die einen Zustand beschreiben, der gar nicht in Worte zu fassen ist. Mama, du bist meine Lieblingsfarbe.

Und so lebt sie auch, meine Tochter. Sie ist mein Tor, mein Eintritt für eine Welt voller neuer Möglichkeiten, die ich vorher nicht zu denken gewagt habe.

Meine Tochter lebt mit einem tiefen, natürlichen Wissen über das Leben, was viele Kinder in sich tragen – und leider zu selten anerkannt wird. Ich habe ihr dieses Wissen nie abgesprochen – ganz im Gegenteil, ich lerne von ihr. Meine Neugier, mein Wissensdurst und meine Liebe zu ihr ermöglichen es, diesen Gedankengängen Raum zu geben.

Und gerade, wenn ich eine Bemerkung mit einer Handbewegung wegwischen möchte, halte ich inne und frage mich, ob diese Abwertung wirklich angebracht sei. Denn schon viele Momente hinweg half sie mir mit ihren „kindlichen“ Fragen weiter und gab mir Antworten auf Fragen, die ich bisher nie gestellt habe, um das Leben und seine Schönheit besser zu verstehen.

Bedingungslos

Ich trug sie 9 Monate unter meinem Herzen und seit über 11 Jahren geht sie nun an meiner Seite. Durch gute und schlechte Zeiten. Durch das finsterste Tal und den hellsten Sonnenschein. Durch Tränen des Leids und der Freude. Durch Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit. Durch Trennung, Trauer und Mutlosigkeit. Durch Jubel, höchster Euphorie und tanzender Leichtigkeit.

Und kein einziges Mal hat sie mir jemals gesagt, dass sie weg von mir wollte. Sich von mir trennen oder scheiden lassen wolle. Mir erklären, wie die Welt funktioniert und was ich zu glauben hatte und was nicht. Kein einziges Mal hat sie mir Bedingungen gestellt, wie unser Zusammenleben zu sein habe. Es gab kein „du musst“ und auch keine „wenn du nicht…, dann…“ Konstellation. Sie war einfach immer da. Egal was kam. Ist es, weil sie erst elf ist? Kommt der „Rest“ erst noch?

Wenn das Bedingungslosigkeit ist, bedingungslose Liebe, frei von jeglichem Anspruch von dem, was ich in einem anderen Menschen als richtig oder falsch erachte, dann lerne ich von meiner Tochter, was es bedeutet, bedingungslos zu lieben. Dann ist es das höchste Potential, was ich in mir entfalten kann.

Mein Werdegang

Der Werdegang meiner Pubertät ist vermutlich nicht vergleichbar zu „normalen“ Werdegängen. Ich habe meine Mutter früh durch den Tod verloren und wuchs unter drei Männern auf. Meinem Vater und zwei Brüdern. Vielleicht hast auch du einmal einen Verlust eines lieben Menschen erlitten. Dann wirst du erahnen können, was es bedeutet, wenn dieser jenige plötzlich und ohne Vorwarnung beschließt zu gehen. Von einem auf den anderen Tag fehlt einfach jemand. Einfach so. Der Stuhl ist frei und der Tisch wird nur noch für vier gedeckt. Jeden Tag, ab sofort.

Der Tod meiner Mutter war sehr traumatisch und führte in uns allen einen Krieg, der manchmal noch heute ausgetragen wird. Und er wird so lange geführt, bis wir Frieden damit schließen. Bis das Herz vor Erleichterung ausatmet.

Und so habe ich mir Verhalten und Einstellung zum Mutter- und Frausein, die Identifikation der weiblichen Seite, alleine erarbeitet. Nirgendwo wurde es vor meinen Augen lebendig gelebt. Ich konnte mich nicht mit meiner Mutter vergleichen, abgleichen und identifizieren. Ich musste mir mein Bild aus Erinnerungen und Neuschöpfungen bilden. Aus Magazinen, aus dem Fernsehen, aus Romanen, aus den Beobachtungen meiner Mitschüler, aus den Fragen, die ich dem Leben stellte. Und auch ich schrieb wütend meine Liste auf Zettelchen auf, mit: „Was ich meinen Kindern nie beibringen werde/Was ich definitiv anders machen werde“.

Wenn ich so manch andere Mütter und Töchter beobachte, scheint es manchmal ganz gut zu sein, diesen Vergleich nicht gehabt zu haben. Wenn ich sehe, dass eine Mutter schon mit einer minimalen Handbewegung ihre Tochter zur Raserei bringen kann.. Was hätte ich erlebt?

Das Leben

Versteh mich nicht falsch, ich werte den Tod meiner Mutter nicht mehr. Ich kann nicht sagen, ob ihr Ableben nun gut oder schlecht war. Es ist das Leben. Und ich weiß auch nicht, was aus mir geworden wäre, wäre meine Mutter noch am Leben. Ich kenne nur den Menschen, der ich jetzt bin. Nicht der, der ich geworden wäre, gäbe es sie noch. Daher kann ich auch niemandem böse sein, dass die Dinge so gelaufen sind, wie sie gelaufen sind. Dass viele Momente der Selbstzweifel, der Ablehnung und manchmal des Selbsthasses in den Phasen der Pubertät jemandes Schuld war. Es war gelebtes Leben. Voller Chaos, voller Missverständnisse und hormonell geschuldeter Irrungen und Wirrungen. Voller süßer Neugier und Unschuld, Naivität und Dummheit.

All das wollte gelebt werden. In vollen Zügen. Jeden Atemzug.

Manche bezeichnen diese Phasen in ihrem Leben als Initiationsritual. Manche sagen: „Gott gibt uns nur so viel auf, wie wir vertragen können.“ Und dann gibt es welche, die meinen, erst durch das Durchschreiten des Demutstals konnten sie Empathie entwickeln. In Deutschland hört man auch gerne: „Was nicht tötet, härtet ab.“ All das hat seine Wahrheit.

„Du bist meine Lieblingsfarbe“ – hat mich in vielen Demutstälern, Initiationsriten und Überlebensbootcamps am Leben erhalten. Zu wissen, jemandes Lieblingsfarbe sein zu dürfen – was ist das für ein Geschenk! Was bedeutet das für ein Leben?

Wie kann ich also meiner Tochter Böses wollen, wenn sie in ihrem pubertären Leichtsinn Dinge äußert, die fast ferngesteuert ihre Zunge führen?

Meine Tochter fragte mich einmal mit vier Jahren:

„Mama, muss man einen Menschen mögen um ihn zu lieben?“

Ich habe lange über diesen Satz nachgedacht. Ich konnte ihr keine sofortige Antwort geben. Und ich werde die Antwort auch nicht schreiben, weil die Antwort gelebt werden muss und nicht mit dem Kopf verstanden.

Ich weiß, dass Vieles, was in meiner Pubertät galt, noch lange nicht für meine Tochter gilt. Die vielen Nächte auswärts, die viel zu alten Jungs, mit denen ich mich umgab. Die kleinen bis großen Mutproben, vom Rauchen bis zum Klauen.

Sie muss nicht die gleichen Erfahrungen machen. Sie kann sie machen. Ich habe schon früh angefangen, ihr zu erklären, was die Konsequenzen bestimmter Entscheidungen ausmachen. Dass es wichtig ist, sich bewusst zu entscheiden um besser die Verantwortung zu tragen für das, was dabei rauskommt. Ob in meinem Sinne nun „gut“ oder „schlecht“ erachtet. Ich lasse ihr die Wahl.

Und ich glaube, dass wir damit gut fahren. Denn so muss mein Kind sich nicht zwischen zwei Übeln entscheiden, wenn sie keine Wahl hat: nämlich entweder gegen die Mutter rebellieren und sich verweigern (was wohl die einzig richtige Wahl wäre bei ihrem Dickschädel) oder sich ihrem Schicksal ergeben und sich meinen Wünschen unterordnen (was das Leidwesen vieler ist).

Wir müssen das Teufelsrad nicht weiterdrehen. Wir können jederzeit absteigen und uns anders entscheiden. Für das Leben, für bedingungslose Liebe und Hingabe, so wie sie es mir vorlebt.

Was wäre wenn?

Ich weiß nicht, ob ich diese Zeilen schreiben würde, hätte ich noch zwei weitere Kinder, wie ich mir das gerne wünsche. Und einen Mann an meiner Seite und ein intaktes Familiengerüst. Vielleicht hätte ich dafür gar keine Zeit oder hätte andere Gedanken dazu. Was wäre, wäre ich mit zwei Kindern alleinerziehend? Was wäre, wäre mein Kind behindert auf die Welt gekommen? Was wäre, wären wir in einem anderen Land geboren, wo Frauen ihre Kinder aberkannt bekommen?

Ich kenne nur das Hier und Jetzt und mich und meine Tochter in dieser Konstellation.

Und ich habe mich entschieden. Ich bin aus dem Teufelsrad ausgestiegen.

Neulich fragte mich eine Freundin, die meine Tochter noch nicht kannte: „Sieht deine Tochter eigentlich ihrem Vater oder dir ähnlich?“

Und ich antwortete: „Sie ist göttlichen Ursprungs.“

Ja, das ist sie. Trotz aller Weltlichkeit, Zickereien, Smartphones, Tablets und whatsapp Nachrichten. Trotz Gezanke in der Schule und Missverständnisse bei den Lehrern und dem Ferienkoller vor der Glotze. Trotz der eigenen Lernaufgaben in diesem Leben. Sie bleibt göttlichen Ursprungs.

So wie wir alle.

Ich danke dir für dich, geliebte Tochter.

 

Autorin:

Sarah Dewi Hadinoto

ist alleinerziehende Mutter einer elfjährigen Tochter und führt zwischen Bremen und Hamburg ein Zentrum für ganzheitliche Gesundheit. Dort gibt sie neben Yogakursen und Coachings auch Workshop zur neuen IITM Methode. Mehr zu ihr findest du auf: www.praxis-hadinoto.com

Liebe Sarah,

was für toller Artikel. Er hat mich sehr berührt und ich spüre beim Lesen deine Emotionen. Ich bin überzeugt, das allen anderen Lesern auch so gehen wird.

Daniela

Teile Sarah und mir in einem Kommentar, deine Gedanken und Gefühle  mit .

Möchtest du die nächsten Erfahrungsberichte von Müttern auf keinen Fall verpassen?

Dann trage dich hier für den KeepCoolMama-Newsletter ein und bekomme sofort deine

5+1 KeepCool-Tipps.

Klicke hier und trage dich ein!

Comments

comments