Meine Pubertäts-Überlebensstrategien

Vielen Dank dafür, Daniela, dass ich meine Gedanken zur Pubertät in einem Gastblog sortieren darf. Ich habe hier einige Strategien zusammengetragen, die mir persönlich das tägliche Überleben mit meiner Pubertierenden erleichtern.

Synonym für das Schlagwort Pubertät nutze ich gerne „akute Frontallappenauflösung“. Ich finde es sehr einleuchtend, dass Menschen mit derartigen Umbauvorgängen im Gehirn in einer Ausnahmesituation sind und sich durchaus seltsam benehmen können.

Das Einsetzen der Pubertät definiere ich für mich ab dem Zeitpunkt, an dem die notorischen Frühaufsteher zu lang schlafenden Morgenmuffeln mutieren.

 

Pubertät auf einem anderen Planeten

Ich bin jetzt 49 Jahre alt. Meine eigene Pubertät habe ich in einer ganz anderen Zeit erlebt. In meiner Familie wurden Kinder nicht, wie heute üblich, als selbst entscheidende Wesen verstanden. Wir hatten kaum Mitspracherechte.

In der heutigen sich sehr schnell ändernden Welt gibt es täglich neue Herausforderungen an uns und die nachwachsenden Generationen.

Wir Menschen über 40 müssen massiv umlernen und bewegen uns damit oft auf ungewissem Gebiet. Unsere Sprösslinge wachsen mit der ständigen Unsicherheit und der sich dauernd verändernden Umwelt auf. Mehrere Jobs im Laufe des Lebens zu haben wird für sie wahrscheinlich die Regel sein.

Heute erwachsen zu werden ist also nicht einfach. Geeignete Vorbilder sind schwer zu finden. Jeder muss sich seinen eigenen Weg suchen. Ich versuche, wie Ihr auch, meine Kinder auf ihrem Weg in die Zukunft möglichst gut zu unterstützen.

 

 

Vorbereitung für Kinder und Eltern

So richtig vorbereiten kann man sich, nach meiner Erfahrung, auf die Pubertät nicht. Vieles ist vorher einfach nicht vorstellbar und das ist manchmal auch gut so. Bücher können hilfreich sein, sind aber nicht das Leben.

Weit vor der Pubertät haben wir mit unseren Kindern Veränderungen besprochen, die auf sie zukommen können: Dass sie sich selbst und die Welt nicht  mehr verstehen, sich fremd und unverstanden fühlen und dass sie damit nicht allein sind.

Jetzt erst versteht meine 15-jährige Tochter, was wir damals gemeint haben. Letztens meinte sie, dass es ihr heute hilft, dass wir das schon früher besprochen haben.

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Kinder früh Verantwortung für sich selbst übernehmen lassen

Dass wir die Kinder für voll nehmen und sie von Anfang an in Entscheidungen miteinbeziehen ist meiner Meinung nach eine wichtige Grundvoraussetzung dafür, die Pubertät gemeinsam mit ihnen gut zu überstehen.

Meine Kinder entscheiden oft selbstständig,  ob sie zu krank sind um in die Schule zu gehen oder ob eine geplante Aktivität zu viel für sie wird. Die beiden Großen können sich schon gut selbst einschätzen.

Hier ein Beispiel: Unsere Große hat im Juli Geburtstag und war damit ein klassisches Kann-Kind: Soll sie schon in die Schule gehen oder erst in die Vorschule, war die große Frage. Wir Eltern waren unentschieden, der Kindergarten und der Schularzt auch. Also haben wir mit dem Kind gemeinsam Informationen gesammelt und ihr die anstehende Entscheidung erklärt. Sie hat die Vorschule gewählt und im Nachhinein war das die richtige Entscheidung.

Ich frage mein Pubertier auch heute noch wenn sie vor einer Entscheidung steht und mich um Rat fragt: „ Was ist das beste für dich? Womit geht es Dir am besten? Was ist deine Motivation?“ Wenn die Kinder gewohnt sind, auf sich selbst zu hören, besteht die Hoffnung, dass dies auch in der Zeit akuter Frontallappenauflösung wenigstens noch teilweise funktioniert.

 

Überlebensstrategien, die sich im  Alltag bewährt haben

 

Wieder in meine Mitte kommen

 Hand aufs Herz: Die Kinder können mich innerhalb von Sekunden auf die Palme bringen. Sie kennen mich gut und wenn sie mich im falschen Moment erwischen ist es passiert. Das ganz große Drama nimmt seinen Lauf. Wie komme ich da am besten wieder heraus?

Ich gehe auf Abstand und versuche zu mir zurückzukommen. Um von der Palme herunterzusteigen konzentriere ich mich z.B. 30 Sekunden auf etwas Schönes oder tue etwas ganz anderes: Stürze mich in Arbeit, genieße eine Tasse Kaffee auf der Bank draußen oder erinnere mich an einen glücklichen Moment. Eine kurze Aus-Zeit reicht mir oft, um wieder in meine Mitte zu kommen.

 

 Humor

Humor ist für mich das Schmierfett jeder sozialen Beziehung. Manchmal reicht schon eine Prise Humor, um Situationen mit dem Pubertier zu entschärfen. Humor hilft mir auch dabei, mich nicht so ernst zu nehmen und in brenzligen Situationen Abstand zu gewinnen.

 

Akzeptanz und Wertschätzung

In schwierigen Zeiten, wenn Kommunikation ziemlich unmöglich ist, schicke ich meinem Pubertier Akzeptanz. Wie das geht? Wenn ich ruhig bin und mich gerade nicht über sie aufrege, schicke ihr in Gedanken, also energetisch, dass ich sie akzeptiere und was ich an ihr schätze. Da gibt es zum Glück eine Menge.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese unsichtbare Unterstützung immer ankommt und Beziehungen sehr positiv beeinflussen kann. Ich nutze Wertschätzung und Akzeptanz in meinem gesamten persönlichen und beruflichen Umfeld. Menschen merken, was und wie man über sie denkt und reagieren entsprechend.

 

In Kontakt bleiben

Geht es bei uns hoch her, am besten bevor wir explodieren, trennen wir uns räumlich. Da unsere Kinder eigene Zimmer haben, ist dies zum Glück nicht weiter schwierig. Die Tochter merkt oft von selbst, wann es am besten ist sich zurückzuziehen.

Trotzdem sorge ich dafür, dass die Kommunikation nie ganz abreißt. Sie wird möglichst in ruhigere Zeiten verlagert. So lange ich in Kontakt bleibe, habe ich ein besseres Gefühl dafür, was los ist.

 

 

Vorbild sein

 

Mir wird immer klarer, dass ich mein Kind in der Pubertät nicht mehr erziehen kann. Zu spät – die Grundlagen sind gelegt.

Meine Tochter beobachtet genau, wie ich die Herausforderungen in meinem Alltag angehe. Sie sieht, dass ich manchmal auch nicht weiterkomme oder schlecht drauf bin. Da ich mir wünsche, dass sie nett mit sich selber und anderen umgeht versuche ich ihr mit gutem Beispiel voranzugehen.

 

 

Von fremden Erfahrungen profitieren

Ich hole mir gerne Anregungen wie andere die Pubertät ihrer Kinder erleben und welche Erfahrungen sie gemacht haben. Oft gibt es kleine und große Ideen, die ich in meinen Alltag mitnehmen kann. Manche Fehler brauche ich so nicht selbst zu machen.

Lange habe ich überlegt, eine Pubertätsselbsthilfegruppe ins Leben zu rufen. Bisher ist noch nichts draus geworden. Ich stelle es mir sehr hilfreich vor, die Möglichkeit zu haben, sich einmal im Monat auszusprechen und dann gestärkt wieder zurück in den Alltag zu gehen.

 

 

Wo liegen meine eigenen Grenzen?  

 Eltern und Kinder brauchen Schutz. Es rächt sich, wenn Grenzen ständig überschritten werden. Daher frage ich mich immer wieder was ich noch ertragen kann und was nicht mehr. Wird mir alles zu viel, dann setzt sich der Familienrat zusammen und es wird gemeinsam nach einer Lösung gesucht.

 

Foto2-Inge-kleinerEine Freundin, die 3 mittlerweile erwachsene Töchter hat, hat sich wegen der massiven Probleme, die sie mit einer Tochter hatte, externe Hilfe geholt. Die Situation zu Hause war für sie nicht mehr zu ertragen. Über das Jugendamt hat sie psychologische Unterstützung gefunden und sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich habe daraus gelernt, dass es OK ist alleine nicht mehr weiter zu wissen und dann auch Hilfe in Anspruch zu nehmen.

 

Jeder ist anders

Jede Familie ist anders, jeder Mensch ist anders – damit wird auch die Pubertät sehr unterschiedlich erlebt.

Seit einem halben Jahr ist meine 11-jährige zur Langschläferin geworden. Damit haben wir jetzt also zwei Pubertierende in der Familie.

Tochter Nummer 2 hat andere Strategien, mit Problemen umzugehen. Sie macht viel mehr mit sich selbst aus als die Große. Das bedeutet für mich, dass es an der Zeit ist, meine Überlebensstrategien diesem Kind anzupassen.

 

 

Fazit

Die Pubertät der Kinder ist eine Phase im Familienleben, die mich dazu bringt, noch bewusster mit mir und den Kindern umzugehen und noch mehr im Jetzt zu bleiben als früher. Einerseits ist das oft anstrengend andererseits entwickele ich mich dadurch zwangsläufig persönlich weiter.

Was ich an dieser Lebensphase genieße ist, dass meine Großen immer mehr von sich in die Familie einbringen. Viele Ideen, die unser Familienleben bereichern, kommen mittlerweile von ihnen.

 

Foto-3-Inge-kleinerInge Schumacher ist verheiratet, Mutter von drei Kindern, hat BWL studiert und 9 Jahre im Controlling und in der Unternehmensberatung gearbeitet. Seit 2007 arbeitet sie als Heilerin und Heilpraktikerin. Seit 2014 veranstaltet sie außerdem mit einer Freundin, die schon lange dort lebt, Seminare für Frauen in Island. Islandfrauen

Mehr über Inge und ihr Tätigkeit als Heilpraktikerin findet ihr unter physio-energie.com

Die Bilder in diesem Gastblog sind selbst gemacht.

Literaturtipp

Jesper Juul: Pubertät Wenn erziehen nicht mehr geht , Kösel, 3. Auflage 2010

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