Wie du die Pubertät deines Kindes überlebst

Nimm’s nicht persönlich!

Oh, wie oft hat meine liebe Freundin diesen Satz „Nimm’s nicht persönlich“ zu mir gesagt, wenn ich wieder einmal ganz verzweifelt ihre Nummer gewählt hatte.

Meine Tochter war in der Hochblüte ihrer Pubertät angelangt und sie verstand sich hervorragend darauf, mich verbal an meinen allerempfindlichsten Punkten zu treffen.

 

Alle Mühe umsonst?

So viel Mühe hatte ich all die Jahre darauf verwendet, sie liebevoll zu begleiten. Freiraum zu lassen, wo es in meinen Augen notwendig und wertvoll für ihre Entwicklung war.

Gleichzeitig Grenzen zu stecken, wo es für ein friedliches Miteinander unerlässlich schien.

Ständig im Dialog bleibend, die eigene Position immer wieder in Frage stellend und überprüfend, ob es noch passt, was ich als Regeln festsetzte.

 

Das ist einfach nur ungerecht

Und dann wird mir – ausgerechnet mir – vorgeworfen, sie sei mir doch eh egal, ich hörte doch eh nicht zu, würde gar nichts erlauben, sei voll mit Vorurteilen etc. etc.

Kurzum, sie hat all das, was mir wichtig war, wovon ich glaubte, es richtig gemacht zu haben, in den Staub getreten. Hat mich angeschrien und mit Türen geschlagen.

Wo um Himmels willen hat sie dieses Verhalten gelernt? Was ist da schief gelaufen?

 

Auf einmal ist meine Tochter eine Fremde

Unfassbar, dass dies mein Mädchen ist. Sie sah noch so aus. Damit waren die Ähnlichkeiten schon erschöpft. Das Innenleben, das Benehmen waren mir komplett fremd geworden. Beinahe über Nacht.

 

Ich bin nicht nur ich – ich habe auch eine Rolle

Ich wurde verbal aufs tiefste beleidigt, fühlte mich extrem ungerecht behandelt, kämpfte mit den Tränen und meine hoch geschätzte Freundin sagt „Nimm es nicht persönlich“?

„Wie soll das denn gehen“ möchte ich von ihr wissen. „Sie meint nicht dich, nicht die Jutta, wenn sie dich so angreift. Sie meint deine Position. Sie greift ihre Mutter an. Die Rolle Mutter – Tochter wird jetzt auf den Prüfstand gestellt. Da musst du durch.“

 

Scheidung vom Teenager, geht das?

„Na Bravo. Vom Mann könnte ich mich scheiden lassen, wenn sich der so aufführt. Und bei meiner Tochter habe ich kein Hintertürchen, durch das ich mich rausschleichen kann. Wo ist die Kündigungsklausel?

Am liebsten würde ich einfach alles hinschmeißen und nur für mich ganz alleine verantwortlich sein. So habe ich mir das nicht vorgestellt.“ Ich war echt der Verzweiflung nahe.

 

Komischer Vertrauensbeweis

„Sei froh, dass deine Tochter so viel Vertrauen zu dir hat. Sie ist sich tief in ihrem Inneren sicher, dass du immer zu ihr hältst und ihr deine Liebe nicht entziehst. Sonst könnte sie nicht so agieren. Wo sollte sie sich denn sonst ausprobieren, wenn nicht im vertrauten Umfeld? Auch wenn es erst einmal bitter und schmerzhaft ist. Bleib dran.“ ermunterte mich meine Freundin.

 

Das Gehirn baut sich um

Ich fühlte schon mit, mit meinem Teenager, die gerade gar nicht mehr wusste, wo vorne und wo hinten ist. Die ganze Denkstruktur wird in diesem Alter zerstört und neu aufgebaut. Das pure Chaos. Hormongesteuertes Tohowabohu.

Ein interessanter Bericht zu dem, was im Gehirn der Teenies so abläuft ist hier:

Chill ma’ Dein Hirn -Das passiert wirklich im pubertären Gehirn

Blödsinniger Weise sah es in mir drin zu dieser Zeit nicht sehr viel anders aus. Ja klar, in der Pubertät war ich nicht, aber hormongesteuertes Chaos hatte ich auch zu bieten.

 

Die Wechseljahre machten mir zu schaffen. Immer wieder gab es Momente, mit erhöhter Reizbarkeit und besonders großer Sensitivität. An vielen Tagen prallten wir Zwei mit unserer hormongesteuerten Verletzlichkeit und Aggression aufeinander. Heureka, von einem Moment auf den anderen konnte die Post abgehen.

 

Bücher helfen zu verstehen

Zu dieser Zeit holte ich mir stapelweise Fachbücher in der Leihbücherei und ließ so manchen Euro im Buchladen. Ich wollte unbedingt verstehen, was da so abläuft. Theoretisches Wissen hilft zu begreifen.

Es schützt aber nicht vor verbalen Verletzungen, die man erhält oder selber dem Teenager zufügt. Aber es hilft, es eben nicht persönlich zu nehmen und Strategien zu entwickeln.

 

Menschen helfen es auszuhalten

Mein kostbarster Schatz in dieser Zeit war meine Freundin. Die Gespräche mit ihr halfen mir immer wieder die Geschehnisse mit etwas Abstand zu betrachten.

Und ihre stete Aufforderung „nimm es nicht persönlich“ trug mich über manche Attacke. Immer wieder einen Schritt zurück treten, mich zu distanzieren, zum Zuschauer zu werden. Die Ereignisse zu betrachten, als sei ich im Theater, das half mir.

Hätte zu der Zeit Daniela Strube ihr Angebot „Keep Cool Mama“ schon auf dem Markt gehabt, ich wäre wohl ihre Kundin geworden.

 

Klare Grenzen sind nötig

Es blieb ein ständiges Ringen. Auch ein Ringen um angemessene Umgangsformen. Chaos im Gehirn hin oder her.

Manche Grenzen dürfen einfach nicht überschritten werden. Dieser immer und immer wieder zu verteidigen, war eine große Herausforderung.

Bis hierher und nicht weiter. Damit ich meine Selbstachtung nicht verliere. Bei allem Verständnis gab es sehr deutliche Stopps von meiner Seite.

 

Im Gespräch bleiben

Und ich habe immer und immer wieder das Gespräch gesucht, wenn gerade friedliche Stimmung herrschte.

Die Regeln der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg haben mir dabei sehr geholfen.

Die gewaltfreie Kommunikation hat mir vermittelt, wie ich meinen sprachlichen Ausdruck verändern und meine Art zuzuhören gestalten kann. Half mir, gewohnheitsmäßige, automatische Reaktionen in bewusste Antworten zu verwandeln.

Wie kann ich mich ehrlich und klar ausdrücken und meiner Tochter gleichzeitig respektvolle Aufmerksamkeit schenken?

Wenn du mit der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg noch nicht vertraut bist, kann ich es dir nur wärmstens ans Herz legen, mal einen entsprechenden Kurs zu besuchen. Es ist die investierte Zeit und das Geld ganz sicher wert. Die Bücher zu seiner Methode sind auch sehr gut, aber ein Kurs, in dem du üben kannst und Feedback bekommst bringt dich viel schneller ans Ziel.

 

Es lohnt sich, dran zu bleiben

Nimm es nicht persönlich. Dieser Satz, hat mich in den Jahren der Pubertät an so manchem Tag gerettet.

Und weil ich mit diesem Artikel allen Mamas, die gerade voll in der herausfordernden Phase sind, etwas Mut machen möchte, kommt hier etwas sehr Persönliches.

Meine Tochter, heute 19 Jahre alt, hat mich vor wenigen Wochen wieder zum Weinen gebracht. Diesmal allerdings vor Rührung. Sie hat mir einen Blogartikel gewidmet.

Im ersten Moment war mir der zu persönlich, um so im Netz zu stehen. Aber sie ist erwachsen und es ist ihre Angelegenheit.

Und wenn er schon da steht, dann darf ich auch auf ihn verlinken, um dir Mut zu machen. Lies selber, warum sich jeder Einsatz von dir lohnt. Jedes Auseinandersetzen mit deinem Teenager wird Früchte tragen. https://fotomanin.wordpress.com/2015/07/08/57-dankbar/

 

Ich wünsche dir alles Gute und denk dran

NIMM ES NICHT PERSÖNLICH

 

Jutta Marx


Foto JuttaJutta Marx coacht und berät stressgeplagte Frauen, die mehr Gelassenheit und Leichtigkeit in ihren Alltag holen wollen.

Als zertifizierte Entspannungstrainerin und Impuls-Coach unterstützt sie Frauen bei der Bewältigung von Stress insbesondere mit Achtsamkeitsübungen.

Stärkung des Selbstwertes und Umgang mit stressauslösenden Gefühlen wie Angst, Wut und Trauer sind Schwerpunkte ihrer Arbeit.

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